Berlin Marathon 2022

Die Aussichten auf den Berlin Marathon waren schlecht als ich 1 Monat vorher zum zweiten mal an Corona erkrankte. Diesmal leider mit ordentlichen Symptomen, sodass ich erst nach 2 Wochen Pause wieder ganz langsam mit Laufen anfangen konnte.

Der erste Lauf nach Covid ging ganze 5 km weit mit einer Pace von 6:36 min/km und einem Puls der vorher bei einer 5er Pace normal gewesen wäre. Wenn sich das nicht ändert, dachte ich mir, brauche ich erst garnicht nach Berlin fahren. In den noch wenig verbleibenden Wochen vor dem Marathon versuchte ich die langen, langsamen Läufe nach zu holen und verzichtete auf härtere Einheiten. Der Puls wollte sich aber nicht mehr auf das alte Niveau einpendeln. So fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Berlin. Welche Zeit sollte man nun angehen? Vor Covid hatte ich eine Traumzeit von 3:15h im Kopf, was jetzt als utopisch galt. Spätestens nach dem Besuch der Marathonmesse war das Level der Vorfreude gigantisch und alle Zweifel vergessen. Berlin gehörte an diesem Wochenende den Läufern. Aus aller Welt kamen Sportler um diesen berühmten Major Marathon zu finishen, es herrschte eine einzigartige Stimmung. Zusammen mit etwa 40.000 Läufern ging es ab Viertel nach 9 Uhr auf die 42,195km lange Strecke durch Berlin. Bei so einem sportlichen Großevent war ich vorher noch nie und konnte mir kaum vorstellen, wie so viele Läufer ohne Chaos zusammen Marathon laufen sollten. Doch bereits der Startbereich war perfekt organisiert, es staute sich nirgendwo und verteilte sich erstaunlicherweise ganz gut. Auf den ersten Kilometer vorbei an der Siegessäule musste man schon etwas zick zack laufen um zu überholen. Es war zunächst ein Kampf um die blaue Ideallinie. Ich habe dennoch versucht die Linie so gut es ging zu halten um so wenige Extrameter wie möglich zu machen. Mein Ego wollte das mit den 3:15h trotz des Formverlustes ausprobieren. Das Pace dafür, 4:37 min/km, fühlte sich am Anfang total easy an, weshalb ich das „Experiment“ fortsetzte. Durch die Stimmung unter den Läufern, die unzähligen Zuschauer entlang der Strecke und diversen Musikgruppen wurde man Kilometer für Kilometer getragen. Das Ganze hat sich auch noch beim Halbmarathon super angefühlt, den ich in 1:36:59 bewältigte, was sogar vor der Zeit lag. Durch die gute Nahrungsaufnahme von 40g Kohlenhydrate alle 30 min in Form von Gels wurde das ganze auch bei km 30 nicht viel langsamer. Doch etwa ab km 33, als die Strecke in den Kudamm einbog, kam er dann doch, aber mit nur leichten Schlägen, der berühmte Mann mit dem Hammer. Das Pace wurde langsamer, die Beine schwerer und die Laune sank. Noch frustrierender wurde es, als mich dann die 3:15h Pacemaker überholten und ich keine Chance hatte mich noch ran zu hängen.

Am Stimmungsnest Potsdamer Platz wurde man dann wieder gepushed und ich dachte das Brandenburger Tor müsste gleich auftauchen, dann hat das Leiden endlich ein Ende. Doch es wollte einfach nicht auftauchen, die letzten 3km wurden zur gefühlt ewigen Tortour. Als das Tor endlich in Sichtweite kam wollte ich gerade zum Schlusssprint ansetzen, als ich einen anderen Läufer mit Krämpfen auf dem Boden liegen sah. Das war mir Warnung genug es einfach locker auslaufen zu lassen, denn ich wollte nicht noch 100m ins Ziel kriechen müssen. Als ich die Uhr im Ziel bei 3:18:13h stoppte übertünchte die Freude über die Zielzeit das Leiden der letzten Kilometer. War ich doch mehr als 30 min schneller gewesen als bei meinem ersten Marathon in Frankfurt 2019. Auch wenn ich die utopische 3:15h nicht geschafft habe, war ich doch ziemlich nah dran gekommen und konnte der schlechten Vorbereitung trotzen. Überglücklich humpelte ich mit meiner Finishermedallie zurück ins Hotel. Nun erfuhr ich auch, dass der größte Läufer unserer Zeit Eliud Kipchoge weit mehr als 1h vor meinem Zieleinlauf einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte. Was eine Ehre mit solch einem Jahrhunderttalent im selben Rennen starten zu dürfen!

Text: Philipp Abel
Bilder: Sportograf.com


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